InspirationsDORF

BEWARE, Utopia! This artistic project is a documentation of experiences, ideas and visions of people in the villages Flegessen, Hasperde and Klein Süntel (FHKS) in North Germany. The project InspirationsDORF is a printed map with an utopian visualization and news tickers from the past, present and future. A0 format, 500x edition, supported by Anstiftung and Fonds Soziokultur, 2019. Open Source with Creative Commons Licence, use only for non-commercial works.

German Description:

ACHTUNG UTOPIE! Diese künstlerische Arbeit versteht sich als Dokumentation der Ideen und Visionen von Menschen in und um die Dörfergemeinschaft Flegessen, Hasperde und Klein Süntel (FHKS). At the same time, it shows the desire to actively shape one’s own living environment. The InspirationsDORF is explicitly not intended as a perfect, comprehensive guide for a sustainable village. Rather, this work is supposed to be a source of courage, instigator and playful means of expression.

Das Konzept ist übertragbar. Es versteht sich als prozesshaft, experimentell und lädt ein zum Mitzeichnen, Mitdenken, Mitschreiben und Mitträumen. Die Zeitleiste beginnt im Jahr 2012 als Jahr der Formierung einer übergreifenden Bewegung engagierter Bürger, die zuvor aus dem gemeinsamen Ringen um den Erhalt der Grundschule entstand. Der Redaktionsschluss gibt den Startpunkt für die Zukunft. Alle darauf folgenden Meldungen sind frei erfunden. Die verschiedenen Institutionen, Vereine, Akteure, Bewegungen, Wettbewerbe, Stiftungen, Preise, Auszeichnungen u.v.m. gibt es wirklich, allerdings ist deren Handlung in der Zukunft rein fiktiv.

In dieser einen möglichen Zukunftsversion entwickelt sich die Dörfergemeinschaft bis in das Jahr 2035 zu einer gelungenen Mischung aus gemeinwohlorientierten Projekten, die gemeinsam alltagsnah und praxisorientiert an den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts arbeiten.

FLEGESSEN, HASPERDE UND KLEIN SÜNTEL Hier vereinen sich traditionell hohes Engagement und lebendige Vereinswelt mit herzlicher Gemeinschaft und innovativen Wegen der kollektiven Dörferentwicklung “von unten”. Die Dorfbewohner ziehen an einem Strang, nehmen die Gestaltung von Zukunftsfähigkeit in die eigenen Hände und erfahren diese Art des Gemeinschaffens als unmittelbare Lebensqualitätssteigerung. Die Kleinsten wachsen mitten unter ihnen auf, in Kindergarten und Dorfgrundschule. Im selbst finanzierten, selbst gebauten und eigen betriebenen Regio-Bio-Markt versorgen sie sich mit hochwertigen Lebensmitteln zu kleinen Preisen. In der eigens erstellten Zeitung informieren und vernetzen sie sich miteinander. Im Dorfkino gönnen sie sich Komödien, Dokumentationen, Dramen oder Eigenproduktionen ihrer Film-AG. Alt und Jung lehren und lernen gemeinsam in der Dorfhochschule, musizieren im Musikzug und Musikverein, treiben Sport im FC, schießen im Schützenverein, pflegen Heimat und Kultur im Verkehrs- und Verschönerungsverein, engagieren sich in DRK-Ortsverein, Kirchengemeinde oder freiwilligen Feuerwehren, oder singen gemeinsam
in einem der drei Chöre. Bei den Dorffesten genießen sie gute Gesellschaft und vor Ort gebrautes Bier. Und ganz im Verständnis einer “Potentialentfaltungs-Gemeinschaft” haben sie laufend große Freude daran, neue Ideen für die Weiterentwicklung der Dörfer zu “spinnen”.

Fest steht: Wer sich für bürgerschaftliches Engagement, überparteiliches und innovatives Denken, langfristig orientiertes Gestalten, lebendig-warmherzige Gemeinschaft und nachhaltig-bewusstes Leben im Einklang mit der Natur interessiert, der wird sich hier wohl fühlen. Dabei möchten sie kein Öko-Dorf sein oder werden, sondern ein neues Verständnis von „normal“ entwickeln. Als „normales Dorf“ möchten sie also dazu beitragen, dass das Bemühen um einen umweltschützenden, gemeinwohlorientierten und enkeltauglichen Lebensstil künftig als selbstverständlich in unserer Gesellschaft akzeptiert und umgesetzt wird.

Projektteam: Grit Koalick, Marga Leuthe & Maria Trunk

Wie Denkst DU Raum

von Stefan Becker.

I. Raum – Verstehen

Der Raum, der uns umgibt, ist der Raum, in dem wir uns lernen zu begreifen.

=> Sozialisation als Ausgangspunkt

  • Sobald ein Mensch auf die Welt kommt, wird er mit Raum konfrontiert – und assimiliert sich in diesem.
  • Gabriel de Tarde wirft in seinem Buch “Gesetze der Nachahmung” die Perspektive auf, dass vor allem das kindliche Lernen aus Wiederholung und Nachahmung und das nachfolgende Denken, Verhalten und Handeln als “Summe aller Teile” betrachtet werden kann, um es vereinfacht zu sagen.
  • Wir begehen den Raum und lernen die jeweiligen Verhaltensweisen und Regeln kennen, die in ihm verhaftet sind:

Wohnung/Gebäude => Zimmerhoheiten, Betretungsrechte, Nutzungsrechte, Verwendungszwecke, Genussrechte, Zeitregularien, Freiheitsrechte, Klagerechte

Verkehrsregeln => Hierarchien von Fahrzeugen, Wegerechte, Straßenschilder

Transitorte => Symboliken, Zweckmäßigkeiten, Pflichte, Rechte

Neben der Nachahmung werden wir auch geprägt durch die Erklärung, welche sich uns durch Sprache und Schrift zuwendet. Diese lernen wir und lernen wir zu benutzen.

=> Raumtheorien als Ausgangspunkt

  • wir verstehen die Welt so, wie wir sie kennengelernt haben
  • durch die Wissenschaft, die Phänomene generalisiert, erklärt, interpretiert und prognostiziert

dazu ein paar Ansätze:

  • Raum als Behälter /Aristoteles / Mathematik
  • Raum der unendlichen Ausdehnung / Physik
  • Raum des Sozialen / Interaktionen / Sozialwissenschaft
  • usw.: Sprachraum, Wirtschaftsraum, Rechtsraum (Menschenrechte), Nation, Stadt, Stadtteil, Nachbarschaft

Heißt:

  • Eigenschaften eines Ortes (abgegrenzter oder punktueller Raum) werden definiert und mit Eigenschaften belegt

=> Voraussetzung  für die Konstruktion von Rollenverhalten, Ritualen, Traditionen, Identitäten und Stereotypen

Dadurch bestimmt sich unser Verhalten und auch unser Denken; durch Kulturtechniken des Raumverhaltens.

  • Verkehr / Verkehrsschule / Karten / Bordsteine/Straßen/Öffentlicher Raum
  • Zeiten/ Züge / Autos / Handlungen in der Stadt / welche Orte für welche Funktionen
  • Grundsatz dafür: Die Europäische Stadt

Diese wiederum inspiriert für kulturwissenschaftliche Theorien:

Niklas Luhmann // Räume beherbergen Soziale Systeme, deren Grundlage die Geschlossenheit und Autopoiesis ist und die lediglich durch strukturelle Kopplung über ihre Grenzen hinweg mit anderen Sozialen Systemen verbunden sind

Virilio // Infrastrukturen sind determiniert von Krieg und Geschwindigkeit

Michel Foucault // Die Beherrschung des Raumes durch Kulturtechniken wie Bild/Schrift/Zahl führt deren eindeutige Verwendung, zu Heterotopien

(von Leben lassen und sterben machen => Leben machen und sterben lassen)

Henri Lefebvre // Räume werden produziert, und zwar mit konkreten Anliegen einer Verwendung

Deleuze/Guattari // Urbane Räume befinden sich unter der Hoheit von Staatsaparat und sind dem Raster / zwischen dem Glatten und dem Gekerbten

=> weitere Begriffe: Räume des Wissens, Räume der Macht, Wissen und Labor, Experimentalräume, Ereignisräume, Nomadische Räume usw.

=> Forschungen in Rio de Janeiro

II. Raum hinterfragen

Alle diese Theorien eint etwas, und zwar ihr Anspruch auf Allgemeingültigkeit:

  • der Raum, in dem Du Dich bewegst und den Du erfährst, ist in den Theorien enthalten
  • Folge: Entweder Du bestätigst die Theorie und den Raum ODER
  • Die Theorie ist falsch!
  • Der Raum ist falsch! Heißt: Deine Raumerfahrung ist falsch!

Lieber eine eigene Theorie bauen als eine andere wiederlegen!

Denn: Wahrheit ist relational!

Was passiert: Der Raum ist relational, es gibt keinen absoluten Raum, es gibt kein absolutes Raumerlebnis.

Erleben ist immer Ereignis, folglich ist eine Raumerfahrung immer eine momenthafte Erfahrung, eine Singularität. Wie jeder Moment der Wahrnehmung, wie jeder Moment des Daseins.

Daraus folgt:

  1. Raum ist eine Imagination, und zwar eine, die jeweils an das Individuum gekoppelt ist (wie siehst Du)
  • Raum ist gebunden an Relationen, also ein Raum der Konstellation, die das jeweilige Individuum feststellt und benennt. (was siehst Du)
  • Dieses Wissen hängt wiederum ab von den Mythen/Narrativen/Wissen, das auf das Individuum zurückführt. (was suchst Du, will Du finden)

Ansatz ist hier die Phänomenologie. Die sich von Konventionen der Wissenschaften befreien will.

Mit folgendem Vorgehen:

=> Deskription als Methode

=> Apriorität der Phänomenologie (wissenschaftlicher Anspruch)

=> damit: Fundament für alle anderen Wissenschaften

Um was geht es?

Wissenschaftlicher Anspruch in der Wahrnehmung

=> nach Husserl: Gesetze der Logik (ich beobachte/erfahre etwas, daraus schließe ich); Schlussfolgerung, auf der Basis von Wissen

Annahme=>Beobachtung=>Konklusion

Beispiel:

Der Bewohner einer Favela ist ein Favelado. Pepe wohnt in einer Favela. Pepe ist ein Favelado.

Oder: Deleuze und Guattari beschreiben einen Raum abseits der Wissenschaften als nomadischen Raum. Die Favela befindet sich abseits der Wissenschaften. Die Favela ist nach Deleuze/Guattari ein nomadischer Raum.

=> Herausforderung Intentionalität: Wir sehen das, was wir (unbewusst) sehen wollen!

Um das zu hinterfragen – Fokus auf:

  • Sinne
  • Augen Sehen Imaginieren vs. Atmosphärisches Spüren     // Gernot Böhme

Zusammenführung in einem wissenschaftlichen Denken.

In einem Denken und wohl auch in einer Sprache?

1) Technische Medien als Normalisierung          // Symbole und Zeichen

=> Ich verstehe den Raum durch die Medien, die ich kenne.

=> Alles was wir über die Welt wissen, wissen wir durch die Medien (Luhmann)

=> Karten, Filme, Fotos

=> Kartendenken / Techniken der Zurechtfindung (Kompass)

2) Dazu die Ebene der Deskription

=> Aufschreibungen mit wissenschaftlichen Mitteln

=> Die Medien, durch die ich die Welt verstehe, nutze ich, um mich verständlich zu machen.

Führen zu:

  • Ich sehe, was ich bereits weiß.
  • Ich zeige, was ich sehe, was ich bereits weiß.

Mein Vorhaben ist es, etwas zu erläutern, was ich nicht weiß.

=> Forschungen in Angola

III. Raum bewusst denken // Raum gestalten

Das Phänomen der eigenen Erfahrung als Phänomen begreifen

  • sich und seine Wahrnehmung samt Techniken selbst in den Mittelpunkt stellen

=> Kreation des Raumes durch Bewegen // Michel de Certeau

=> Kreation des Raumes durch Erleben // Poetik des Raumes

=> Kreation des Raumes durch Handeln // Bauen Wohnen Denken

Kulturtechniken des Raumdenkens

  • Urbane Feldforschungen // Phänomenologie

// Spaziergangswissenschaft

  • Techniken der Historiographie als Techniken der Realitätskonstruktion // Wissenschaft
  • Mnemotechniken für die individuelle Speicherung von (Raum)Narrativen

Individuell verschieden: Erinnerungstechniken/Aufschreibungen/Fotos/Filme

  • Einzelne Phänomene an den Perspektiven packen!

Und offen bearbeiten!

  • z.B. Seminare/Projekte // Film, Performance, Installation
  • Wissenschaft ist begrenzt durch Schrift und Bild, welche auch nur unter konkreten Konventionen Wissenschaft sein dürfen!!

Thema Grenzen:

Es gibt keinen Raum per se, sondern er wird definiert durch den, der wahrnimmt!

Eine Begrenzung des Raumes, von dem wir umgeben sind, ist:

einerseits:

die Markierung eines Territoriums (UR-Kulturtechnik)

anderseits:

ein Hindernis in der Ausdehnung unserer Bewegung und unseres Denkens.

Grenzen sind Ergebnisse von Konstrukten, aus denen wir Identität konstruieren.

Bewegen heißt immer Grenzen verschieben // Grenzen werden zu Konstrukten, die immer mit Macht und Deutungshoheit zu tun haben // sie zu hinterfragen, um zu lernen und um sich anpassungsfähig zu halten // In Bewegung bleiben!

Fotos (soweit nicht anders angegeben): Stefan Becker und Eva-Maria Hugo

Medien / Raum / Architektur

Das Projekt ‘Medien, Raum, Architektur – Wahrnehmungen und Reflektionen im Kosmos des Urbanen’

wurde im Wintersemester 2017/2018 am Institut für Theater- und Medienwissenschaft der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg umgesetzt und hat das Format der ‘Urbanen Feldforschungen’ mit einem Ausstellungskonzept verbunden. Teilgenommen haben daran Masterstudierende, die nach gemeinsamen theoretischen Annährungen eigene Projekte entwickelt, die schließlich in einer Sammelausstellung nach einer individuellen Präsentation der eingeladenen Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Der “Raum” ist zugleich und überall – beim Blick in den Himmel, auf die Wiese, das Meer, in den Spiegel, die Stadt, auf die Projektionsfläche, den Bildschirm, in das Buch und sogar beim Blick in uns selbst. Er ist omnipräsent und bestimmt sich dadurch, wie und ob wir ihn sehen und wahrnehmen können, und was wir über ihn wissen, wissen können und auch wissen wollen. Wir alle bewegen uns in ihm mit unseren Körpern, nehmen ihn jedoch völlig unterschiedlich wahr. Wir sprechen, schreiben über ihn, halten ihn fotografisch oder filmisch fest, konstruieren Narrative und Projektionen. Doch wie machen wir das? Welche Medien befähigen uns dazu? Was machen wir mit ihnen? Und was machen Sie mit uns? Wie kommen unsere räumlichen Imaginationen, Weltbilder und (Raum)Begriffe überhaupt zustande?

Hier setzte dieses Projektseminar an, das diese beiden Begriffskonzepte – Wahrnehmen und Wissen – als medientheoretischen Ansatzpunkt genommen hat. Ausgehend von den Paradigmen der Medientheorie wurde der (urbane) Raum in das Zentrum des (Seminar)Interesses gerückt. Die dort zu behandelnden Axiome der Raumtheorie sollten nachfolgend in der Praxis raumbezogener Feldforschung überprüft, mit qualitativen Methoden aus den Geistes-, Sozial- und Kunstwissenschaften. Schließlich konnten so individuelle Projekte entwickelt und ausgearbeitet werden, die in einem finalen Schritt gesammelt in einer Ausstellung am 4. Februar 2018 im “Kultursaal” des Kulturamts Erlangen präsentiert wurden.

Theorien

In einem ersten Schritt galt es, die Medien der Wahrnehmung zu reflektieren, durch die Wissen überhaupt erst entstehen kann. A priori stehen da die menschlichen Sinne, die den Zugang zu dem ermöglichen, was wir Welt nennen, und die als Kulturtechniken der Wahrnehmung betrachtet werden können (u.a. mit Marcel Mauss, André Leroi-Gourhan, Gernot Böhme). Unter der Annahme, dass die Ausprägung der Sinne in ihrem Zusammenhang mit der Produktion von Wissen unmittelbar an die Nachahmung gebunden ist (siehe Gabriel de Tarde), hat sich die Perspektive des Seminars insbesondere auf die Wahrnehmung und Verarbeitung von Symbolen und Bildern gerichtet, da sie als Grundlage von Schrift- und Bildmedien die Kommunikation der Kultur(en) maßgeblich bestimmen.

Dieser Weg führte in einem zweiten Schritt in eine direkte Auseinandersetzung mit dem wissenschaftlichen Wissen über den urbanen Raum, und zwar in medien- beziehungsweise kulturwissenschaftlicher Perspektive. In der Annahme, dass Wissenschaft immer gekoppelt ist an mediale Historiographien und den Glauben an diese, wurden Autoren wie Michel Foucault, Gilles Deleuze/Félix Guattari, Friedrich Kittler und weitere (insbesondere aus dem ‘Kursbuch Medienkultur’) für konkrete Argumentationen herangezogen. Und direkt an die kulturwissenschaftlichen Raumtheorien gekoppelt (u.a. die bereits genannten Autoren, dazu Perspektiven/Texte aus dem Sammelband ‘Raumtheorie’ von Stephan Günzel), denn schließlich sind es die Medien, durch die der Raum überhaupt erst erfahrbar wird. Dies betrifft im Besonderen den architektonischen Entwurf und somit die Stadtplanung, wie z.B. die Nutzbarmachung der Zentralperspektive für die Implementierung des Rasters in der (Kolonial)Architektur zeigt (siehe dazu u.a. Bernhard Siegert und Daniel Gethmann). Das Seminar sollte auf diesem Wege der daraus entstehenden Frage nachgehen, in welcher Art und Weise sich die medialen Historiographien über den Raum mit der Raumproduktion selbst in einer konstruktiven Wechselwirkung befinden.

Feldforschung

Um für diese Aufgabe Strategien samt Methoden zu finden, setzte sich in dem Projektseminar in einem dritten Schritt der urbane Raum selbst mit seinen Architekturen in den Mittelpunkt des Interesses; um ihn in einem bestimmt offenen Modus des Wissens wahrzunehmen und die praktischen Erfahrungen mit den Theorien in Bezug zu setzen. Ausgangspunkt waren dabei wieder die zuvor verhandelten Kulturtechniken der Wahrnehmung. Ziel an dieser Stelle war es, dass jeder Studierende seine individuelle Wahrnehmung, den Modus seines Bewegungsapparates (neben dem Körper jede weitere Art von Fahrzeugen, siehe Paul Virilio) und die dementsprechenden Wechselwirkungen mit dem (Un)Bewussten reflektieren lernt, um sich so in gemeinsamen und individuellen Ortsbegehungen methodisch originell einen zu bestimmenden Raum zu Eigen zu machen. In Deutschland als Spaziergangswissenschaft durch Lucius Burckhardt bekannt, in den USA durch Robert E. Park und Jane Jacobs salonfähig gemacht und als Konzept wie Geländeübung, Exkursion, Feldforschung (wie der Teilnehmenden Beobachtung) wissenschaftlich anerkannt, bindet sich diese Art der urbanen Forschung an zeitgenössische Kulturtechnikforschungen über das Gehen, wie sie im Anschluss an Marcel Mauss’ Körpertechniken von Tim Ingold (‘Ways of Walking’) oder auch von Rebecca Solnit (‘Wanderlust’) ausgeführt wurden. Für das Seminar hieß dies konkret, theoretisches Wissen mit praktischen Erfahrungen zu ergänzen, und zwar in und um Erlangen und Nürnberg, wobei die Wahl der jeweiligen Orte, Räume und Routen auf Inspirationen aus den Texten, Vorschlägen sowie den Ideen der TeilnehmerInnen basierte.

Die Durchführung dieser Spaziergänge verlief sowohl phänomenologisch als auch mit dem strategischen Ansinnen hin zu individuellen oder gruppenbezogenen Projektfindungen – mit dem Ziel, die daraus resultierenden Arbeiten in einem zu findenden Setting zusammenzuführen und anschlussfähig zu machen (Projektpräsentation, kleines Symposium und eine gemeinsame Ausstellung). So konnten die Studierenden durch Reflektion des Theoretischen und der gemeinsamen/eigenen Erfahrung zur Erarbeitung von Projektarbeiten motiviert werden, die dann während der Ortsbegehungen eingebracht wurden. Schließlich sollte in der Verarbeitung des Erlernten und Erlebten Wissen produziert werden, das wiederum einen konkreten Raum gestaltet und bespielt, möglichst zugänglich für die Öffentlichkeit. Die Zielvorstellung des Seminars lag nämlich in der Anfertigung von Projektarbeiten, die sich in den Mitteln ihrer Erarbeitung selbst thematisieren und verhandeln sollte, basierend auf den Perspektiven des Seminars und unter Zuhilfenahme jedweder medialer Historiographien wie Bild, Film und Text bis hin zu Instrumenten der Performance oder anderer ereignishafter Techniken.

Projekte

Auf Basis dieser Erfahrungen, Impulse und Anregungen wurden indivuelle Projektideen entwickelt und ausgearbeitet, die in gemeinsamer Runde reflektiert und diskutiert wurden. Diese Projekte sollten sich in einem offenen Spektrum des künstlerisch/wissenschaftlichen Ausdrucks bewegen und möglichst reflexiv im Umgang mit ihren Methoden, Medien und Akteuren sein. Die Zeit für die Bearbeitung dieser Einzel- oder Gruppenarbeiten betrug etwa zwei Monate. Direkt im Anschluss ging es dann in die konkreten Vorbereitungen des finalen Ereignisses des Projektmoduls, nämlich der Kreation eines von allen TeilnehmerInnen konzipierten Präsentations- und Ausstellungsraums, in dem einen Tag lang die entstandenen Arbeiten in Anwesenheit der angehenden WissenschaftlerInnen bzw. KünstlerInnen gezeigt und diskutiert wurden. Mehr Informationen zu dieser gut besuchten und besonderen Ausstellung finden sich hier:

https://www.theater-medien.phil.fau.de/itm-ausstellung-medien-raum-architektur/

Fotos: Eva-Maria Hugo

Für dieses Projekt wurde ein ‘Reader’ erstellt, als Basis für die Entwicklung gemeinsamer Perspektiven sowie als Orientierung für individuelle Projekte:

Inhalt

a. Kulturtechniken

Martin Heidegger: ‘Erste Stunde’. In: Ders.: Was heisst Denken?, Gesamtausgabe 8. Frankfurt am Main, 2002. S. 5-14.

Martin Heidegger: ‘Sprache’. In: Ders.: Überlieferte Sprache und technische Sprache. St. Gallen, 1989. S. 20-29.

Gabriel de Tarde: ‘Die universelle Wiederholung I’; ‘Die außerlogischen Einflüsse’, ‘I. Die Nachahmung von innen nach außen’; ‘Der Gebrauch und die Mode’, ‘I. Sprache’. In: Ders.: Die Gesetze der Nachahmung. Frankfurt am Main, 2009. S. 25-37, 207-230, 260-280.

Marcel Mauss: ‘Die Techniken des Körpers’. In: Ders.: Soziologie und Anthropologie 2. Frankfurt am Main, 1989. S. 199-220.

b. Wahrnehmung

Maurice Merleau-Ponty: ‘Das Auge und der Geist’. In: Dünne /Günzel (Hg).: Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaft. Frankfurt am Main, 2006. S. 180-192.

Maurice Merleau-Ponty: ‘Die Theorie des Leibes als Grundlegung einer Theorie der Wahrnehmung’. In: Hauser /Kamleithner /Meyer (Hg.): Architekturwissen. Grundlagentexte aus den Kulturwissenschaften. Bd. 1: Zur Ästhetik des sozialen Raumes. Bielefeld, 2011. S. 218-222.

Gaston Bachelard: ‘Poetik des Raumes’. In: Dünne /Günzel (Hg.: Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaft. Frankfurt am Main, 2006. S. 166-179.

Gernot Böhme: ‘Wahrnehmung’ und ‘Atmosphären’. In: Ders.: Aisthetik. Vorlesungen über Ästhetik als allgemeine Wahrnehmungslehre. München, 2001. S. 29-58.

c. Raum

Michel Foucault: ‘Von anderen Räumen’. In: Ders.: Dits et Ecrits. Schriften. Vierter Band. Frankfurt am

Main, 2005. S. 931-943.

Paul Virilio: ‘Fahrzeug’. In: Claus Pias u. a. (Hg.): Kursbuch Medienkultur. Die maßgeblichen Theorien von Brecht bis Baudrillard. Stuttgart, 1999. S. 166-184.

Gilles Deleuze / Félix Guattari: ‘1440 – Das Glatte und das Gekerbte’. In: Dünne /Günzel (Hg).: Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaft. Frankfurt am Main, 2006. S. 434-444.

d. Medien

Georg Simmel: ‘Die Großstädte und das Geistesleben’. In: Hauser /Kamleithner /Meyer (Hg.): Architekturwissen. Grundlagentexte aus den Kulturwissenschaften. Bd. 1: Zur Ästhetik des sozialen Raumes. Bielefeld, 2011. S. 147-157.

Marc Augé: ‘Die Stadt – Vom Imaginären zur Fiktion’. In: Jacob Wenzel (Hg.): Der Sinn der Sinne. Göttingen, 1998. S. 401-415.

Marc Augé: ‘Von den Orten zu den Nicht-Orten’. In: Hauser /Kamleithner /Meyer (Hg.): Architekturwissen. Grundlagentexte aus den Kulturwissenschaften. Bd. 2: Zur Logistik des sozialen Raumes. Bielefeld, 2013. S. 72-78.

Friedrich Kittler: ‘Eine Stadt ist ein Medium.’ In: Hauser /Kamleithner /Meyer (Hg.): Architekturwissen. Grundlagentexte aus den Kulturwissenschaften Bd. 2: Zur Logistik des sozialen Raumes. Bielefeld, 2013. S. 274-282.

Markus Bossert: ‘Spazieren als Wissenschaft’. In: Ueli Mäder u.a. (Hg.): Raum und Macht. Die Stadt zwischen Vision und Wirklichkeit. Regensburg, 2014. S. 139-154.

e. Methoden

Dipesh Chakrabarty: ‘Europa provinzialisieren. Postkolonialität und die Kritik der Geschichte’. In: Conrad /Randeria (Hg.): Jenseits des Eurozentrismus. Postkoloniale Perspektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften. Frankfurt am Main, 2002. S. 283-312.

Georg Christoph Tholen: ‘Platzverweis. Unmögliche Zwischenspiele von Mensch und Maschine’. In: Bolz /Kittler /Tholen (Hg.): Computer als Medium. München. 1999. S. 111 –135.

Lena Eckert: ‘Öffentliche Toiletten als kompensatorische Heterotopien’. In: Martin /Steinborn (Hg.): Orte. Nicht-Orte. Ab-Orte. Mediale Verortungen des Dazwischen. Marburg, 2015. S. 27-40.

Joseph Vogl: ‘Schöne gelbe Farbe. Godard mit Deleuze’. In: Balke /Vogl (Hg.): Gilles Deleuze -Fluchtlinien der Philosophie. München, 1996, S. 252-265.

f. Wissensproduktion

Hans-Jörg Rheinberger: ‘Wissensräume und experimentelle Praxis’. In: Helmar Schramm (Hg.): Bühnen des Wissens. Interferenzen zwischen Wissenschaft und Kunst. Berlin, 2003. S. 366-382.

Gilles Deleuze: ‘Das Aktuelle und das Virtuelle’. In: Gente /Weibel (Hg.): Deleuze und die Künste. Frankfurt am Main, 2007. S. 249-253.

Friedrich Kittler: Grammophon Film Typewriter. Berlin, 1986. S. 3-33.

Helmar Schramm: ‘Einleitung. Schauraum /Datenraum’. In: Ders. (Hg.): Bühnen des Wissens. Interferenzen zwischen Wissenschaft und Kunst. Berlin, 2003. S. 9-27.

Fotos: Eva-Maria Hugo

Wellen von Energien

Wellen von Energien. Surfen als Paradigma für die Suche nach dem Selbst.

von Stefan Becker.

»Die grössten Kapitalien sind nicht beständiger als die Wogen des Meeres, auf denen sie sich gründen.«[1]

(Murillo Velarde, 1749)

Reichtum und die Kraft und Tragfähigkeit von Wellen stehen in einer langen Tradition ökonomischer Expansion, nicht zuletzt deshalb, weil die Wogen des Meeres unermessliche Schätze ebenso wie das plötzliche Verderben verhießen und noch verheißen. Die Suche nach fremden Ufern, zu denen nur der Weg über die Ozeane führte, verlangt Risikobereitschaft und Abenteuerlust wie auch Arbeitswillen und Aufopferungsbereitschaft. Dies manifestiert sich auch heute in den aktuellen und vielschichtigen Diskussionen um das Verhältnis von Leben und Arbeit, wie insbesondere die Fluten von hierzu verfassten Ratgebern, wissenschaftlichen Publikation und Zeitungsbeiträgen anzeigen. In der weithin bekannten phrasischen Gegenüberstellung bezieht sich die eine Zuschreibungsmöglichkeit ‘Arbeiten um zu leben’ auf die Notwendigkeit, der sich jedes Subjekt des Staates unterwerfen muss, um seinen Status in seinen – bewusst oder unbewusst begehrten – Sicherheitsbedürfnislagen zu erschaffen und/oder zu erhalten. In dem Opponenten dieser Lebensbeschreibung – ‘Leben um zu arbeiten’ – wird das Aufgehen des Subjekts in seiner Pflichterfüllung herausgestellt, das die Annehmlichkeiten des Lebens nur durch Arbeit erreichen kann und nicht aus diesem Selbstverständnis heraustreten kann. Denn der Mensch, so drängt diese Unterscheidung in ihren Polarisierungen auf, ist in der Gestaltung seines Lebens eigenverantwortlich und besitzt durch seine Vernunft die Fähigkeit, Entscheidungen nach seinen Vorstellungen zu treffen und diese durchzusetzen. Auf dem Prinzip eines aufgeklärten Menschen beruhend, der in dem Spannungsfeld seiner Freiheiten und Pflichten gegenüber einer Gemeinschaft existiert, ist seine Wirtschaftlichkeit und Vernunft geradezu unerlässlich und somit ein Paradigma der Wissenschaft.

I. Arbeit

Was ist Arbeit? Und was nicht? Eine ganz eindeutige Unterscheidung trifft hierfür die Wirtschaftstheorie, was nicht unrelevant ist, schließlich werden alle angehenden Ökonomen weltweiter Finanzmarktnetzwerke damit großgezogen; der homo oeconomicus ist ein rationales Wesen, das in einer arbeitsteiligen Gesellschaft dadurch charakterisiert werden kann, dass es nutzenoptimal denkt und handelt. Dies bezieht sich zum einen auf das Tauschverhalten des Menschen, der aus den Gütern, die er besitzt, im Handel mit anderen Gütern seinen Bedürfnissen nach bestmöglichen Gegenwert erreichen will – relational am messbarsten durch die Zuschreibung eines Geldwertes zu errechnen. Die Faktoren, welche den Tauschwert bestimmen, unterliegen den jeweiligen Bedürfnissen der Tauschpartner, die sehr individuell und somit variabel sind, sowie nach der gängigen ökonomischen Theorie dem Verhältnis von einem insbesondere produktionsbedingten Angebot und der Nachfrage durch potentiell Begehrende. Dass die Nachfrage sich an den Bedürfnissen erbaut, letztere aber weniger an den primären oder sekundären orientiert ist, sondern vielmehr an künstlich erzeugten in einer heutig häufig konstatierten Überflussgesellschaft, zeigt die von dem Soziologen Niklas Luhmann analysierte konstruierte Knappheit von Arbeit an:

»Erst eine Gesellschaft mit Geldwirtschaft kann den phantastischen Gedanken aufbringen, Arbeit sei knapp und deshalb begehrenswert. Zunächst liegt diese Ersatzparadoxie außerhalb aller strukturellen und semantischen Horizonte. Wenn man Sklaverei zu beschreiben hatte, dann nach Art der Dinge und nicht als dem Menschen angemessene Lebensführung. Arbeit ist Strafe Gottes, ist Mühsal, ist erniedrigende Plackerei.«[2]

Knappheit von Arbeit ist nicht einfach, sondern wird hergestellt. In diesem Sinne gibt es auch keine ökonomischen Gesetze außerhalb der Endlichkeit natürlicher Ressourcen, denen Menschen in ihrer Natur unterworfen wären, vielmehr beruhen wirtschaftswissenschaftliche Axiome auf Konstruktion von Expertennetzwerken. Diese kommen durch Wissensproduktion einer Nachfrage an aktuellem Erklärungsbedarf nach und versuchen diese aber gerade durch ein Angebot von Wissen zu befriedigen, das in erster Linie die Paradigmen der Wirtschaftswissenschaften selbst stützt, und zwar in dessen programmatischer Fluchtlinie der Profitmaximierung von gewinnorientierten Unternehmen. Dieses Phänomen bindet sich insbesondere an das zweite Merkmal des homo oeconomicus, der eben nicht nur rational, sondern auch seine körperlichen und zeitlichen Ressourcen in die Unterscheidung von Arbeit und Konsum verteilt – folgt man der ökonomischen Theorie. Der Arbeitnehmer arbeitet, um einen Lohn zu erhalten und so seine Bedürfnisse befriedigen zu können; durch den Tausch von Geld gegen Ware oder Geld gegen Gelderwartung in der Zukunft, indem er nach dem Prinzip des Sparens durch den Zins einen höheren zukünftigen Gegenwert für seinen momentanen Warenkorb zu erhalten sinnt. Dieses zukunftsgerichtete Denken formuliert Thomas Hobbes als eine wesentliche Eigenschaft des Menschen, welche letzterer in seiner Kultur als ein maßgebliches Sicherheitsdispositiv verankert:

»Zwar weisen auch einige Tierarten eine Art von staatlicher Ordnung auf, aber diese ist doch für ihre Wohlfahrt von ziemlich geringer Bedeutung. Sie kann daher auch außer Betracht bleiben; auch findet sie sich nur bei waffen- und bedürfnislosen Geschöpfen. Zu diesen gehört aber der Mensch nicht; denn so gewiß Schwerter und Spieße, die Waffen der Menschen, Hörner, Zähne und Stacheln, die Waffen der Tiere, übertreffen, so gewiß ist auch der Mensch, den sogar der künftige Hunger hungrig macht, raublustiger und grausamer als die Wölfe, Bären und Schlangen, deren Raubgier nicht länger dauert als ihr Hunger und die nur grausam sind, wenn sie gereizt sind.«[3]

Der Hunger des Menschen ist im Gegensatz zu den Tieren keiner, der ein aktuelles Bedürfnis zu befriedigen sucht, sondern ein konstruierter, der sich an das ‘morgen’ richtet. Der Zins bedient das Bedürfnis nach dem morgigen Hunger, was den Menschen in seinem Selbstverständnis als Herrscher über Tier und Natur in eine Abhängigkeit seiner eigenen Konstruktion führt. Die arbeitsteilige Gesellschaft bringt in der Wirtschaftstheorie einen Lebensentwurf des Individuums hervor, der in Anlehnung an das rationale Tauschverhalten die Unterscheidung von Arbeit und Konsum trifft und das ökonomisch relevante Verhalten des Subjektes durch die Jagd (Geldeinnahmen durch Arbeit), Verzehr (Geldausgabe durch Konsum) und das Horten (Geldsparen für den Verzehr von morgen) beschreibt. Die Energie, die der Mensch für seinen Selbsterhalt aufbringt, also für Lohnerwerb, sieht Marx nicht in dem Begriff der Arbeit erfüllt, sondern ersetzt diesen durch den der Arbeitskraft, die der Mensch verkauft und durch den er sich selbst zum Kapitalisten machen kann.[4] Der Angestellte, wie er von Siegfried Kracauer zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschrieben wird,[5] ist die Reinform einer solchen ökonomischen Figur, die ihre zeitlichen und körperlichen Ressourcen gegen einen Lohn anbietet, »der auf der Grundlage einer bestimmten Marktsituation festgesetzt wird, die dem Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage in Bezug auf die Arbeitskraft entspricht.«[6]

Die Herausstellung des Menschen in seiner Kompetenz, einen Lohnerwerb durch Arbeitskraft als auch die Vermehrung seines ökonomischen Kapitals rational zu verwalten, stellt für Foucault einen Umbruch in der klassischen ökonomischen Denke dar. Der Mensch ist nicht mehr nur eine qualitative Größe in der auf die Profitmaximierung der Unternehmen konzentrierten Wirtschaftsrechnung, sondern akkumuliert sein Einkommen auf zweierlei Arten, nämlich durch den Verkauf seiner Arbeitskraft für einen Lohn sowie durch den Erwerb eines Einkommens beziehungsweise Lohns durch sein erworbenes Kapital.[7] Nach dieser Auffassung wird Mitte des 20. Jahrhunderts der Arbeiter zu einem Unternehmer. Dadurch verschiebt sich auch der Begriff von Arbeit und Kapital:

»Nun, die Gesamtheit aller physischen, psychologischen usw. Faktoren, die jemanden in die Lage versetzen, einen bestimmten Lohn zu verdienen, so dass vom Standpunkt des Arbeiters aus die Arbeit keine Ware ist, die sich durch Abstraktion auf die Arbeitskraft und die gearbeitete Zeit reduziert. Wenn man die Arbeit vom Standpunkt des Arbeiters aus in ökonomische Begriffe aufteilt, umfasst sie ein Kapital, d.h. eine Fähigkeit, eine Kompetenz; man sagt auch: sie ist eine Maschine.«[8]

Der Mensch wird zum Unternehmer seiner selbst. Nimmt man die missverständlichen Begriffe des Arbeitnehmers, der Arbeit gibt und dafür Lohn erhält, und des Arbeitgebers, der durch Anderen Arbeit hergestellte Produkte gewinnbringend anbieten will, dann finden wir den Unternehmer seiner selbst in einem stetigen Taumel zwischen diesen Zuschreibungen der Produktivität. In dieser Auffassung des Neoliberalismus fügt sich die eigentliche Antithese der Arbeit ein, welche das Konzept des unternehmerischen Selbst geradezu vervollständigt:

»Der konsumierende Mensch ist, insofern er konsumiert, ein Produzent. Was produziert er? Nun, er produziert ganz einfach seine eigene Befriedigung. Man muß den Konsum als eine unternehmerische Aktivität betrachten, durch die das Individuum eben auf der Grundlage des verfügbaren Kapitals seine eigene Befriedigung produziert.«[9]

Betrachtet man die Kompetenz des Menschen, Lohnerwerb durch Arbeit zu generieren und zu verwalten, als einen maschinisierten Arbeitsprozess, der von seinem Körper nicht zu trennen ist, kann der Konsum als eine Fütterung dieser Maschine aufgefasst werden, die wiederum Anschlussoperationen in seiner Kompetenz als Unternehmer ermöglicht. Der Mensch wird so zu einer Maschine, die durch die Bereitstellung ihrer körperlichen Ressourcen zukünftiges Existieren und Funktionieren ermöglicht und durch die Befriedigung von aktuellen Bedürfnissen ihre dafür notwendige Leistungsbereitschaft erhält.

Demgemäß muss diese Maschine hergestellt und gepflegt werden. Die Ökonomie spricht von Humankapital, die sich ein Staat zunutze machen muss, um eine starke Volkswirtschaft zu bauen. Gesunde, gut ausgebildete Arbeitskräfte, die motiviert und engagiert arbeiten, benötigen eine angemessene Bezahlung und eine Zukunftsperspektive, um morgens aus dem Bett zu kommen. Dazu braucht es unter anderem ökonomische Sicherheitsdispositive wie Zinsen und Renten, die Anreize schaffen, Banken und Behörden, die Unterlagen verwalten und Verträge sichern, und einen Staat, der all dies überwacht und für eine angemessene Verteilung der Ressourcen sorgt. Fällt der Glauben in diese Sicherheitsdispositive, stürzt die Macht in Ohnmacht und das System verliert an Glaubwürdigkeit. Und Glaubwürdigkeit ist eine zentrale Instanz einer funktionierenden Welt(Wirtschaft), wie die Börsen regelmäßig anzeigen.

II. Ausstattung

Jedes Subjekt ist als Unternehmer seiner selbst dazu angehalten, sich und seine Nachkommen als Träger von Humankapital aufzufassen, das sowohl aus angeborenen als auch erworbenen Elementen besteht.[10] Zusammen machen sie das aus, was die weithin verwendete Redewendung jeweilig begünstigender Energien von einem gesunden Geist und einem gesunden Körper auszudrücken versucht. Die Ausstattung, die jedes Subjekt mitbringt ist kostenlos, aber vielleicht nicht ohne Folgekosten, wie Foucault schon 1978 feststellt, wenn er über die Zukunft der Genetik und die Möglichkeiten und Zwänge der Erbgutoptimierung beziehungsweise Präimplantationsdiagnostik imaginiert.[11] Mit unterschiedlichen Qualitäten von Ausstattungen bedacht, steht es aber gerade in der Verantwortung des Subjektes und seiner Erziehungsinstitutionen, einen gesunden Körper herzustellen. Eine gesunde Ernährung, viel Bewegung und viel frische Luft sind dafür ebenso notwendig wie Besuche beim sorgsamen Kinderarzt, dem Kieferorthopäden oder dem Friseur. Denn um ein chancenreiches Subjekt auf dem Arbeitsmarkt zu werden, braucht es mehr als Gesundheit nach Innen, denn welchem Selbstbewusstsein und Lebenswillen kommt es denn schon zugute, im sozialen Umfeld aufgrund von Statusverletzungen mit verbalen Schmähungen und sozialen Herabsetzungen konfrontiert zu werden? Und diese Umfelder sollen auch sorgfältig ausgesucht sein, weshalb das lebenslange Lernen auch schon in früher Kindheit beginnen muss, da dort die feinen Unterschiede[12] wie Mehrsprachigkeit, Benimmregeln, Aufmerksamkeitsökonomie und künstlerische Ausdruckskompetenzen zum Zwecke der Überwindung konkurrierender Milieus erreicht werden kann. Dass nach dem erfolgreichen Durchlaufen möglichst hochrangiger Disziplinarinstitutionen wie Gymnasium und Hochschule in möglichst kurzer Zeit die Produktion von gesellschaftlich anerkannten Alleinstellungsmerkmalen nicht aufhört, daran erinnern einen nicht zuletzt die geflügelten Schlagworte wie Mobilität und Flexibilität. Dafür ist ein gesunder Körper eine verlangte Voraussetzung, die den disziplinierten und üppig ausgestatten Geist in sich trägt. Denn wer schnell aufsteigen will, der muss früh aufstehen und seine Kapitalanlage optimieren – sowohl in der Abendschule als auch im Fitnessstudio. Verlangt wird heute eine äußerliche Beweglichkeit, die auf eine innere Beweglichkeit verweist. Vitalität ist ein Zeichen von Entscheidungskompetenz, die in der Akkumulation von Energieströmen erzeugt werden kann und das Maximum an Nutzen hervorbringen soll. Der Unternehmer seiner selbst muss also seine Kompetenzen beziehungsweise sein Kapital so mobilisieren, dass er, sobald es um Spektren möglicher Bedürfnisbefriedigungen geht, ‘zur richtigen Zeit am richtigen Ort’ sein kann. Und dass diese Kulmination einem nicht zufällig widerfährt, sondern eben auf den Einsatz von Kompetenz zurückgeht, ‘den richtigen Riecher’ zu entwickeln und – vor allem – diesem nachgehen zu können, lässt sich in dem Idealbild des technischen Menschen versinnbildlichen, der in Unabhängigkeit von Raum und Zeit agiert, also global und in Echtzeit seinen Interessen nachkommen kann. Dazu braucht dieser nicht mehr regelmäßig zu handeln, sondern nur noch mit Kalkül und Intuition eingreifen in Momenten der sich eröffnenden Möglichkeiten. In der beschriebenen Ausweitung der Angestelltenkultur und der Erzeugnisse dieses Einsatzes von Arbeitskraft entdeckt Gilles Deleuze einen paradigmatischen Prozess für die nach Kontrolle und Sicherheit strebende Funktionsweise globalisierter Märkte und kapitalistisch orientierter Gesellschaftsstrukturen:

»Der Mensch der Disziplinierung war ein diskontinuierlicher Produzent von Energie, während der Mensch der Kontrolle eher wellenhaft ist, in einem kontinuierlichen Strahl, in einer Umlaufbahn. Überall hat das Surfen schon die alten Sportarten abgelöst.«[13]

Der Mensch wird getragen von den Energien, die es gilt zu reiten. Nicht selten berichten Surfer, dass sie im Moment des Surfens einer Welle mit dieser verschmelzen, alles vergessen, sich frei fühlen, selbst zur Welle werden. Wellen stellen Surfer her, brauchen sie aber nicht. Die Energieträger bauen sich aufgrund von Energieentladungen auf und überbrücken fast unsichtbar ganze Erdteile, bevor sie sich in ihren unterschiedlichen Größen, Formen und Gemengen demjenigen offenbaren, der sich zur richtigen Zeit einfindet. Ob er dann wirklich die Welle reiten kann, hängt zum einen an seiner körperlichen Verfassung und geistigen Einschätzung, aber vor allem daran, ob seine technische Ausstattung für die jeweiligen Bedingungen geeignet ist. Der nackte Mensch wird erst zu einem potentiellen Surfer durch die Ausstattung des Surfboards, das den Ansprüchen der Welle und seines Nutzers gemäß instand gesetzt sein muss. Er muss an den Ort der Welle gelangen können, denn was nützt ihm eine perfekte Ausstattung an Orten fernab der Wellen. Das Humankapital des Menschen bindet sich an technische Objekte, die erst in ihrem Zusammenspiel funktional werden. Folgt man der Übertragung des Begriffs des Surfens auf die Anwendung netzwerkgestützter Computersysteme, so kann der Mensch erst durch die Ausstattung des Computers zu einem Surfer werden. Er schreibt sich ein in Registraturen und Skripte, die ihn zu einem Akteur und Subjekt in globalen Kommunikationsströmen und Datenfluten machen. Die energetischen Träger sind die Voraussetzung für ihre Nutzung, egal wie sie hergestellt wurden. Ob der Kreislauf der Energieströme nun vom Menschen beeinflusst werden kann oder nicht, am Ort des Geschehens kann es nur interessieren, diese am besten für sich zu nutzen, im Spektrum seiner Möglichkeiten und in dem Interesse seiner Bedürfnisse. Der Surfer lebt mit der Welle. Und für die Welle, ohne die er seine Identität verlieren würde. Im Zeitalter von elektrischer Energie und technischen Medien befinden sich die Schauplätze, welche die höchsten Wellen schlagen, heute an den Orten, an denen sich die Energieströme bündeln und akkumulieren. Banken und Börsen, Energiekonzerne und Erzeuger von Verkehrsmitteln, Computer- und Softwarefirmen, Handels- und Versicherungskonzerne, Unternehmen der Telekommunikation und Unterhaltungselektronik – all diese Institutionen sind Garanten für den technologischen Fortschritt und die Bereitstellung von Energie- und damit auch Finanzströmen. Durch die Verarbeitung von Rohstoffen durch maschinelle Operationen gestützt, benötigen diese Energieträger ein für ihre Operationen optimiertes Humankapital, das sie an ihre technischen Maschinen anbinden können und das mit der ihnen zur Verfügung gestellten Ausstattung möglichst effizient die sich bietenden Wellen der Innovation und des Fortschritts nutzen kann. Die Aktivierung dieser Organmaschinen ist an eine Gouvernementalität gebunden, welche Energien freisetzen möche, um ein Fortschreiten von Machttechnologien zu fördern.

»All dies begann man im 18. Jahrhundert zu entdecken. Man bemerkte, dass die Beziehung zwischen der Macht und dem Untertan oder besser dem Einzelnen sich nicht auf jene Form von Unterwerfung beschränken darf, die es der Macht gestattet, dem Untertan Güter, Reichtümer und möglicherweise sogar Blut und Leben wegzunehmen, sondern dass sie sich auf das Individuum als biologisches Wesen beziehen sollte, das in Betracht gezogen werden muss, wenn man die Bevölkerung als Produktionsmaschine zur Erzeugung von Reichtum, Gütern und weiteren Individuen nutzen will.«[14]

Diese Produktionsmaschine funktioniert nach wie vor durch Anreize für das Subjekt, welche durch die beschriebenen Sicherheitsdispositive bewirkt werden können. In Zeiten von immer wiederkehrenden Finanzkrisen werden diese Sicherheitsdispositive erschüttert, doch zeigen diese nachfolgenden Regenerationen an, wie weit die Ideologie und der Glaube an das Kapital gefestigt sind. Nach Auffassung von Walter Benjamin kommen diese schon in den 1920er Jahren einer Religion gleich:

»Im Kapitalismus ist eine Religion zu erblicken, d.h. der Kapitalismus dient essentiell der Befriedigung derselben Sorgen, Qualen, Unruhen, auf die ehemals die so genannten Religionen Antwort gaben.«[15]

Die Fragestellungen, die Benjamin anführt, können in der umfassenden Gouvernementalität weltumspannender energetischer Konzerne in Anbindung an machterhaltende und essentielle Sicherheitsdispositive aufgefasst werden, auf dies es nur eine Antwort gibt – die Mehrung von Kapital. Der Angestellte, der erst durch Lohnerwerb zu einem Unternehmer seiner selbst werden kann, findet in seinem weltumspannend agierenden Arbeitgeber einen Akteur, der niemals das Licht ausmacht und keinen Ausschaltknopf kennt. Er ist immer ansprechbar in weltweiten Energieströmen, die permanent von Wellen angetrieben werden, die keine Aussetzung kennen. Und sei die Welle noch so klein und auch direkt am Schauplatz durch einen kleinen Wind versucht, verpassen will man sie nicht. Imaginiert man eine Flaute, die durch eine Abebbung von energetischem Fluss möglich erscheint, dann kann im nächsten Moment ein Sturm losbrechen oder – noch viel verheerender – die Ruhe sich als trügerisch erweisen und plötzlich in Form eines Tsunamis anbranden. In dieser permanenten Bereitstellung von Maschinen sieht Benjamin eine Problematik hinsichtlich der Natur des Menschen.

»Der Kapitalismus ist die Zelebrierung eines Kultes sans rêve et sans merci. Es gibt da keinen „Wochentag“(,) keinen Tag der nicht Festtag in dem fürchterlichen Sinne der Entfaltung allen sakralen Pompes(,) der äußersten Anspannung des Verehrenden wäre.«[16]

Zugegeben, die Rhetorik verweist nicht auf eine optimistische Einschätzung zukünftiger Verhältnisse. So wie das Warten im Line Up auf die womöglich perfekte Welle (die immer einer subjektiven Wahrnehmung und Zuschreibung unterlegen ist) als eine kultivierte Handlung zu verstehen ist, so lässt sich auch das Sitzen in den Büros der Arbeitgeber als ein Kultus interpretieren, der sich durch permanente Anspannung und Bereitschaft charakterisieren lässt. Beobachtet werden können in der Folge die Symptome dieser Gesellschaft, die auf ständige Belastung schließen lassen, wie es das Getöse von nächtlichem Zähneknirschen, nervöser Spannung des Wachliegens und dem Kratzen des Grübelns nahelegt. In Zeiten von Amok und Terrorismus, Hotlines und Ansprechpartnern ohne Entscheidungsbefugnis ist dies eine äußerst prekäre Situation für jedes Subjekt, das sich so vor die Aufgabe gestellt sieht, für eine stetige Entlastung zu sorgen.

III. Entlastung

Wenn der Unternehmer seiner selbst zu jeder Zeit und an jedem Ort seiner unternehmerischen Tätigkeit nachgehen kann, stellt sich per se keine Raumzeit mehr zur Verfügung, an denen er nicht versucht sein kann zu arbeiten. In der von Deleuze konstatierten permanenten Anspannung, welche sich der Mensch im Zeitalter des Surfens ausgesetzt sieht, steht dieser vor der Herausforderung, sich selbst aus dieser Nervosität herauszunehmen und Momente zu suchen, um Entlastungen zu schaffen. Die Momente und Zeitspannen der Entlastung sind während der Etablierung der arbeitsteiligen Industriegesellschaft in den Begriff der Freizeit verschoben worden, welcher in der Unterscheidung zum Begriff der Arbeit getroffen wurde. Dies impliziert ebenfalls eine Unterscheidung in einem Modus, in dem sich das Subjekt befindet. Hat es frei oder arbeitet es? Ist es selbstbestimmt oder fremdbestimmt? Damit kommen wir zu zwei weiteren Unterscheidungen – zum einen auf die von Freizeit und Freiheit, zum anderen auf die schon vorher getroffene von Leben und Arbeit.

Die Frage, welchem Pol zwischen Leben und Arbeit man sich zuordnen würde, ist auch bei näherer Betrachtung nicht mehr zu beantworten. Manch einer würde wohl einen Einkaufsbummel oder einen Konzertbesuch als eine Beschäftigung bezeichnen, während der er nicht arbeitet. In der von Foucault angeführten Perspektive ist der konsumierende Mensch jedoch einer, der sich – wie beschrieben – als Unternehmer seiner selbst herstellt.[17] Im Moment des Konsums sorgt er für eine Befriedigung eines Bedürfnisses, wodurch wieder neue Bedürfnisse produziert werden können, deren Befriedigung Arbeit verlangt. Folglich ist der Konsum Bestandteil der unternehmerischen Aktivität des Subjekts und kann so der Beantwortung der Sache nicht zuträglich sein, sondern stellt vielmehr die eingangs angeführte Unterscheidung in Frage. Zudem wurde hoffentlich auch ersichtlich, dass ein Subjekt durch seine Sozialisation hergestellt wird, in der schon die Anlagen seines Humankapitals nicht mit dem Gedanken an das Leben an sich, sondern gerade hinsichtlich seiner sozialen und arbeitsweltlichen Möglichkeitshorizonte angelegt werden. Nach der erzieherischen Normierung im frühen Kindesalter in Institutionen zur Erlernung sozialer Kompetenzen und kultureller Techniken erfolgt die Verfestigung und spezielle Qualifizierung in Schulen und Ausbildungsbetrieben, die allesamt hochgradig das soziale Umfeld, die hegenden Architekturen und Infrastrukturen jeweiliger Orte prägen und eine Selbstzuschreibung mit auf den Weg geben. Kurzum, sie betten das Subjekt ein in die betreffenden sozialen Systeme.[18] Die Investition in das Humankapital des Körpers und den an diesen gekoppelten Geist mit seinem komplexen (Un)Bewusstsein ist ganzheitlich, welches in seinem Denkvermögen und seiner Selbstbewusstheit erst durch entsprechende Kulturtechniken wie Sprechen, Schreiben, Rechnen und der Produktion von Abbildungen erzeugt wird.[19] All diese Techniken wiederum sind anschließbar an und angewiesen auf Medientechniken und Maschinen, die sich in ihrer Zuhandenheit nicht her- und wegstellen lassen, da dies einem Ein- und Ausschalten des Subjektes gleichkommen würde. Es gibt also kein Leben außerhalb der Arbeit – zumindest in dieser Allegorie.

Der Begriff der Freizeit wird ebenfalls in Abgrenzung zu dem der Arbeit verwendet und tritt erst verstärkt im 20. Jahrhundert auf, ebenfalls in Hinsicht auf die Wiederherstellung energetischer und arbeitsfördender Kräfte.[20] Um gleich zum Punkt zu kommen, sei hier eine kritische Sicht von Adorno auf diesen Begriff angeführt:

»Das Wort [Freizeit; d. Verf.] […] weist auf eine spezifische Differenz hin, die von der nicht freien zeit, von der, welche die Arbeit ausfüllt, und zwar, darf man hinzufügen, die fremdbestimmte. Freizeit ist an ihren Gegensatz gekettet.«[21]

Freizeit wird von Arbeit überhaupt erst hervorgebracht und kann folglich ohne diese gar nicht gedacht werden. Die fortschreitende Entlastung lebensnotwendiger Erfordernisse durch die Industrialisierung setzt Zeit frei, welche aber eben durch die Fülle von medialen und konsumorientierten Angeboten gefüllt werden soll, die sich, um im Vokabular der Frankfurter Schule zu verbleiben, mit dem Konzept der Kulturindustrie beschreiben lassen. Freizeit ist folglich in ökonomische und gouvernementale Konzepte eingebunden und manifestiert sich in der allgegenwärtigen Offerierung von sogenannten Freizeit-, Unterhaltungs- und Erholungsangeboten. Adorno sieht in dieser Art der Beschäftigung keinen Zusammenhang mehr mit der Selbstbestimmung des Menschen:

»Die gesellschaftlich eingepflanzte und anbefohlene Phantasielosigkeit macht die Menschen in ihrer Freizeit hilflos. Die unverschämte Frage, was denn das Volk mit der vielen Freizeit anfangen sollte, die es nun habe […] beruht darauf. Daß tatsächlich die Menschen mit ihrer freien Zeit so wenig anfangen können, liegt daran, dass ihnen vorweg schon abgeschnitten ist, was ihnen den Zustand der Freiheit lustvoll macht.«[22]

An dieser Stelle wäre es sicherlich interessant zu erfragen, welche Zuschreibung sich Adorno selbst in dieser Analyse geben würde. Folgen möchte ich seiner Frage nach der Freiheit, die sich bei Foucault in diesem Sinne nicht stellt, ist sie doch für ihn immer mit einer Machtergreifung oder einem Machtausbau verbunden. Adorno hingegen träumt von der Freiheit und steht so in einer Tradition von Hegelianern, wie auch Georg Simmel einer ist.

»Der Mensch ist in dem Maße frei, in dem das Zentrum seines Wesens die Peripherie desselben bestimmt, d.h. wenn unsere einzelnen Gedanken und Entschlüsse, unser Handeln wie unser Leiden, unser eigentliches Ich ausdrücken, unabgelenkt von Kräften, die außerhalb unser liegen.«[23]

Freiheit bindet sich in Einschätzung Simmels also an Kräfte, die im Menschen selbst liegen, ohne von äußeren bestimmt zu werden. Denkt man an die Ausstattung des Menschen und die Anbindung an technische Maschinen beziehungsweise energetische Ströme, so scheint diese Auffassung von Freiheit als eine Utopie, die mich wieder zu den Wellen und der Selbstverwirklichung des Surfers im Moment des Surfens einer Welle bringt.

Und hier endet die Affinität zu dem Surfer von Meereswellen, der sich inmitten der natürlichen Elemente bewegt: Für ihn dient das Surfen als eine Entlastung von Müßiggang, für den Unternehmer seiner selbst ist das virtuelle Surfen die Voraussetzung seiner selbst als Subjekt, also Müßiggang per se. Der wahrhaftige Surfer steigt aus, der virtuelle nicht. Technische Medien versprechen einen Freiheitsgewinn, da durch Kommunikationsmedien – so die Verheißung des Marketings – überall und jederzeit die Freiheit der Entscheidung besteht, den momentanen Aufenthaltsort im Modus der Freizeit oder der Arbeit zu wählen. Doch das ist scheinheilig, denn es gibt keine Wahl. Der Unternehmer seiner selbst ist immer angeschlossen, er kennt nur den Zustand der Erreichbarkeit, weshalb es keine Freizeit gibt. Nur Verweigerung von Erreichbarkeit und somit Verweigerung seiner selbst als Subjekt.

In dem von Paul Virilio konstatierten Zeitalter der Beschleunigung entfleucht die reale Umwelt und die virtuelle Permanenz des Globalen manifestiert sich in der Rastlosigkeit der Subjekte und folglich in einer andauernden Schlaflosigkeit[24]. Die Kommunikation mit Anwesenden weicht einer Kommunikation mit Abwesenden, was die Abwesenheit aus dem real Anwesenden nach sich zieht – die Beschleunigung der Medien führt zu einem Rauschzustand der Subjekte, die sich der globalen Kommunikationspermanenz nicht entziehen können.[25] Wir sind alle im Dienst. Immer. Und wer dies verweigert, der fällt aus den Sicherheitsdispositiven. Und muss resignieren. So lässt es sich schon damals in Marienthal beobachten; wenn Arbeitslosigkeit eintritt, dann schwindet der Lebensmut und die Energien bleiben aus, die das Subjekt speisen.[26] Übrig bleibt ein Mensch, der den Anschluss verloren hat und nicht mehr Fuß fassen kann in einer Gesellschaft, die schnell weitereilt. Man darf nicht mehr in die Wellen, bleibt ausgeschlossen von der gesellschaftlichen Festivität. Schnell veraltet das Surfboard, der Neoprenanzug wird rissig und die Muskeln zum Anpaddeln der Wellen schwinden – und nach einiger Zeit verliert man den Glauben, sich in den Wellen gewandt behaupten zu können.

IV. Orte

Die Orte, an denen sich die mächtigsten Wellen der technischen Energien verdichten und Interferenzen erzeugen, sind die urbanen Räume, nicht selten Finanzzentren genannt, gleichbedeutend mit Hauptstädten von Ländern und Arealen. Städte stellen sich zuallererst einmal dar und können von dort aus gedacht werden; Hochhäuser und Straßenschluchten, Ampeln, Autos, pulsierender Verkehr, immer wieder Ströme, die einhalten, sich dann beschleunigend vorwärts preschen, sich bewegende Werbeschriftzüge, überall Bilder, welche unentwegt die Optionenvielfalt[27] der Stadt vorstellen. Die Stadt wirkt durch Wirkungen. Vor über hundert Jahren empfindet Georg Simmel das Berlin der Jahrhundertwende als einen Ort des ökonomischen Taumels, in dem sich Menschen von »Wellenzügen« treiben lassen, in der die Freiheit zu einer »Bewegungsfreiheit« wird.[28] Die von Simmel geschilderten Szenarien erinnern an die wogenden Massen von Gustave Le Bon, die sich willenlos dem Ereignis verschreiben, ohne dass das Individuum selbst noch seine Vernunft befragen könnte, da ihm sonst schon die Masse enteilt und er einsam und ausgeschlossen wäre.[29] In der Stadt sieht sich der Mensch konfrontiert mit permanenten Reizen, mit einer umfassenden »Steigerung des Nervenlebens, die aus dem raschen und ununterbrochenen Wechsel äußerer und innerer Eindrücke hervorgeht«[30] – schon zu Zeiten Simmel’scher Erfahrungshorizonte, was heute in einem viel höheren Maße gilt. Bewegungsfreiheit schöpft der Städter durch vermehrte Loslösung logistischer Grenzen durch den Fortschritt von Verkehrsmitteln wie Bussen, Bahnen, Automobilen, Rolltreppen und -bändern. Diese wird auf eine andere Weise aber eben auch immer mehr eingeschränkt, nämlich durch die Zunahme von Verboten und Vorschriften[31], was dazu führt, dass allein die Wahrnehmung in Bewegung bleibt, in dem sie bewegt wird durch die Eindrücke der alltäglichen Ströme von sich darbietenden Optionenvielfalten. Die diesbezüglichen Wirkungen, die auf die Psyche des Menschen abzielen, lassen sich als eine Konfrontation von Unterschieden beschreiben, durch die »Unerwartetheit sich aufdrängender Impressionen«.[32] Die Vielfalt an Reizen, Begegnungen und Konfrontationen evozieren Affekte, welche die Psyche des Menschen betreffen und sich in »Erschütterungen und des inneren Umgrabens«[33] der Seele äußern können. Unkalkulierte Handlungen und unkontrolliertes Verhalten kann die Folge sein, die nicht mehr den Mustern eines Unternehmers seiner selbst oder einem Vernunftwesen entsprächen.

»So schafft der Typus des Großstädters,- der natürlich von tausend individuellen Modifikationen umspielt ist – sich ein Schutzorgan gegen die Entwurzelung, mit der die Strömungen und Diskrepanzen seines äußeren Milieus ihn bedrohen: statt mit dem Gemüte reagiert er auf diese mit dem Verstande, […].«[34]

Diese Schutzhaltung steht ganz im Zeichen des homo oeconomicus. Emotionen und Empfindungen werden vermieden, um sich selbst zu erhalten. Die Reize, die zum Konsum anregen, werden mit Mitteln der Vernunft erfasst und ausgewertet. Die seelischen Wirkungen – um bei Simmel zu bleiben – finden im Verborgenen statt, und lassen sich auch dort verhandeln. Die Zunahme der Psychoindustrie ist ein deutlicher Indikator für diese innere Überlastung. Das Aufsuchen einer Institution der Psychotherapie schafft Entlastung und normalisiert zugleich, denn sie stellt nicht das in Frage, was nicht in Frage zu stellen ist. Persönliche Krisen werden durch Beratung in einen Prozess der Normalisierung überführt, die sich an den Gouvernementalitäten der Gegenwart orientiert – und so an denen der Marktwirtschaft.[35] Konsumverzicht und Stadtflucht gehören sicherlich nicht in das psychotherapeutische Repertoire von Strategien zur Entschärfung von anormalen Zuständen, wie sie Paul Virilio wohl vorschlagen würde, für den die technische Verlangsamung körperlicher Bewegungen »zu schwersten Störungen der Person und zu Schädigungen ihrer Realitätstüchtigkeit [führt].«[36] Glorreichen Zeiten kann die Psychotherapie entgegensehen, wie die Akzeptanz dieser in der Gesellschaft anzeigt; denn die steigende Bereitschaft zur Aufnahme einer solchen Unternehmung offenbart den Willen des Subjekts, sich als ein Patient der gesellschaftlichen Ordnung zu unterwerfen und an sich selbst arbeiten zu wollen. Arbeiten an sich selbst muss aber nicht direkt an Institutionen gebunden sein, wie in Form einer Situation der Einschließung, sondern kann auch außerhalb der Öffentlichkeit stattfinden und an sich selbst ausgeführt werden. Foucault bezeichnet dies als Technologien des Selbst.

»Darunter sind gewusste und gewollte Praktiken zu verstehen, mit denen die Menschen nicht nur die Regeln ihres Verhaltens festlegen, sondern sich selber zu transformieren, sich in ihrem besonderen Sein zu modifizieren und aus ihrem Leben ein Werk zu machen suchen, das gewisse ästhetische Werte trägt und gewissen Stilkriterien entspricht.«[37]

Diese Technologien sind vielfältig und finden einen markanten Ausdruck in der individuellen Kultivierung des Schreibens, des Sprechens, dem Lesen, des Lebenslaufes, also dem, was das Subjekt nach variablen ideologischen Doktrinen verkörpern und kommunizieren versucht. In Folge der Optimierung des Ausstattens und Instandhaltens solcherlei Technologien ist die Leistungsbereitschaft einem Leistungsvermögen unterworfen, das sich in Konzentrationsschwäche (sic!), Schlafbedürfnis oder Appetit fassen lässt, sich also gerade auch an das geistige Leistungsvermögen koppelt. Solche Symptome lassen sich der Organmaschine zurechnen und sind durch eine Zuführung von Stimulanzen zu überwinden. Mitunter wird eine »Ritalin-Gesellschaft« diagnostiziert, welcher der Konsum von Kaffee und Energydrinks nicht mehr ausreicht, um den ständigen Anforderungen der zunehmenden Beschleunigung nachzukommen.[38] Ritalin ist wie Kokain, nur besser. Und macht besser. An Universitäten ist es weit verbreitet, schließlich wurden viele Studenten schon in ihrer Kindheit an die Droge herangeführt – von Psychotherapeuten.[39] Und verlässlichen Kundenzuwachs scheint es zu geben, wenn die Hälfte aller Bürger grundsätzliche Bereitschaft für die Aufnahme einer Psychotherapie signalisiert.[40] So wie sich die Geschwindigkeit des Ausstattungsprogress erhöht, so beschleunigen auch die Subjekte – in Eigentherapie, allerdings ohne Langzeitwirkungen dieser Brennstoffe einberechnen zu können. Und da der Unternehmer seiner selbst auch immer Produzent von Gesellschaft ist, fließen diese Stimulanzen geradewegs zurück in die Energieströme der Zukunft, die immer höhere Wellen hervorbringen, die nach noch wagemutigere Surfer verlangen.

Eine andere Form der Selbsttechnologie in der Herstellung von Leistungsvermögen liegt in der Entlastung durch körperliche Betätigung, die der Bewegungsarmut des Alltags entgegenwirkt. Die eigentliche Entlastung körperlicher Anstrengungen durch technische Apparate wie Küchengeräte, Rolltreppen, Fahrstühle oder Automobile führt zu einer sitzenden oder zumindest stehenden Menschheit in den Städten, die wiederum nach Kompensation verlangt.

»”Sport” soll dieser Verkümmerung ein wenig abhelfen, und so werden bestimmte Orte und Plätze für geregelte körperliche Übungen vorgesehen. Das aber heißt willentlich die Permanenz der Körperkultur und die Auswirkungen der alltäglichen Körperhaltungen auf das Psychische verkennen.«[41]

Tagtäglich strömen die Menschen in Fitnessstudios, um sich auf den Laufbändern das Leistungsvermögen wieder anzutrainieren, das sie an die Rolltreppen verloren haben. In den Einschließungsmilieus der heterotopen Disziplinarinstitutionen der Vereine und den dargebotenen Sportplätzen oder angelegten Laufstrecken, den Wanderwegen – hinaus in die Parks und Landschaften und wieder hinein in die Stadt – finden nun die Aktivitäten statt, die aufgrund der glorreichen Errungenschaften der Wachstumsgesellschaft verloren gegangen sind – ganz im Sinne einer Gouvernementalität, die aus dieser Sportindustrie auch noch einen finanziellen Nutzen zieht. Längst sind die Ausstattungen für die jeweiligen Aktionsfelder ein fester Bestandteil der sogenannten Freizeitindustrie geworden, welcher es nicht an Ideen mangelt, diese weiter auszubauen. Ganz im Sinne des Abreitens von Modewellen, von Trends. Der Bedarf, für einen gesunden Körper und einen ausgeglichenen Gemütszustand zu sorgen, fordert nach immer neuen Trendsportarten, die durch wissenschaftlich gestützte Marketingstrategien ihre Nachfrage selbst einfordern.

In Anlehnung an Schiller ist der Mensch nur da ganz Subjekt, wo er spielt, nämlich unter dem Regelwerk der Institutionen und deren Ausstattungen.[42] Alte Steckenpferde wie Fußball, Ball- und Schlägersportarten sowie andere Vereinssportarten sind inzwischen für beide Geschlechter geöffnet und fördern ein Gemeinwesen, in der sich die jeweiligen sozialen Zuschreibungen aus beruflichen Tätigkeiten nicht auflösen, sondern in bestimmten Milieus verdichten und bestärken – und Körper hervorbringen, die den biopolitischen Paradigmen des Gouvernementalen entsprechen. Zudem hat die Wellnessgesellschaft den Raum mit Orten versehen, in denen Eingeschlossene ihren Entlastungen nach Anleitung nachgehen können, in mannigfaltigen Bezeichnungen wie Aerobic, Pilates nach immer gleichen Modi einer Unterrichtsstunde. Insbesondere der nach spiritueller Ausgeglichenheit und körperlich-geistiger Harmonie strebende Konsument von Yoga-Kursen versinnbildlicht die Suche nach dem Karma, was sich in Einklang bringen lässt mit dem Surfen von energetischen Wellen, die auch außerhalb der Yogaschule Auftrieb geben sollen. Nicht selten wird das Ideal des Surfens, dem wirklichen Surfen im Meer, mit Yoga kombiniert, mit dem Ziel, die körperlichen Synergien von dem einen in das andere Energiefeld zu übertragen und zu akkumulieren. Die Surfindustrie hat wie selbstverständlich Yoga integriert. Und da erstere an das Reisen, heute als Tourismus bezeichnet, gekoppelt ist, findet sie eine weitere Allianz zu einer Technologie des Selbst, über die sich das Subjekt Entlastung und gefühlte Freiheit verspricht. Travel und Travail, Reisen ist Arbeit, egal ob ‘Nachhaltig’ oder ‘Pauschal’, ebenso wie Yoga und schließlich auch das Surfen an den Stränden dieser Welt. Die Technologien des Selbst haben kein Außen, sie begleiten uns, immer und überall, den Unternehmer seiner selbst, der immer dann konsumiert, wenn er durch seine Erwartung ein Bedürfnis nach einem bestimmten Ereignis, einem Ziel, einem Ergebnis produziert, das innerhalb seiner Sicherheitsdispositive stattfindet.

V. Einfall

Die Belastung allgegenwärtiger Herausforderungen der urbanen Energieströme impliziert ein Bedürfnis nach Entlastung, das von den jeweiligen Individuen ausgeht, aber durch die Affinität zu Selbstverwirklichung von Freizeitindustrien produziert wird. Jedwede Handlung – und sei sie noch so banal – ordnet sich einer Ideologie der Effizienz und des Fortschritts unter, dass das Subjekt fordert und fördert, solange sich dieses in den Wirkungskreisen einer normalisierenden Gouvernementalität und der bereitgestellten Sicherheitsdispositive, sprich technisch generierter Energieströme, bewegt. Persönliche Krisen werden durch Technologien des Selbst ver- und bearbeitet, und, falls dies nicht zu Stabilisierungen und Amplifikationen der Optionenvielfalten führt, durch Institutionen aufgezeigt und geebnet, wenn auch mit einer meist kurzfristigen Wirkung. Folge ist eine dauerhafte Behandlung des eigenen Selbst durch Maßnahmen der Normalisierung. Wer in dieser Gesellschaft zufrieden sein soll, der muss sich selbst helfen – und sich helfen lassen. Deleuze schreibt von »Umlaufbahnen«, »einem kontinuierlichen Strahl«, in dem wir uns bewegen und bewegt werden. Und es scheint, als würden die Menschen dies begreifen, dass es ein Spektrum ihrer Optionen gibt, das sie nicht verlassen können, ohne sich aus den Sicherheitsdispositiven herauszubewegen.[43] Wer schon heute wissen möchte, was es morgen zu essen gibt, muss sich registrieren und normalisieren. Hervorhebenswert scheint mir in diesem Zusammenhang die weiter oben angeführte Bemerkung Foucaults über den Unternehmer seiner selbst, der er auch ist, wenn er konsumiert:

“Der konsumierende Mensch ist, insofern er konsumiert, ein Produzent. Was produziert er? Nun, er produziert ganz einfach seine eigene Befriedigung. Man muß den Konsum als eine unternehmerische Aktivität betrachten, durch die das Individuum eben auf der Grundlage des verfügbaren Kapitals seine eigene Befriedigung produziert.”[44]

Doch was ist er, wenn er nicht konsumiert? Fällt er dann heraus aus den Machtnetzwerken und Energieströmen? Und wie ist Nicht-Konsum zu begreifen? Konsum ist gebunden an eine Befriedigung von Bedürfnissen, die sich auf das Erkennen, also die kognitive Fähigkeit des Menschen beziehen. Wer sich erkennt, der ist. Cogito ergo sum. Das macht den Menschen zum Menschen und zum Subjekt. Anders gesagt: Ich erkenne, dass ich morgen Hunger haben werde, also sorge ich für mich. In dieser Sorge um sich selbst manifestiert sich die Paradoxie des Freiheitsbegriffs; denn wenn Freiheit in dem Ausdruck des eigenen Ichs besteht, dann ist dies der Hunger von morgen, der in Abhängigkeit steht von denjenigen, die das morgendliche Mahl servieren können. Der Mensch kann heute nicht mehr selbst für seine Nahrung sorgen, wenn es die technischen Ströme sind, die all diese Energien produzieren und modellieren, aus denen sich unsere Befriedigungen speisen. Folglich ist es das Bedürfnis nach dem Hunger von morgen, der ihn bedürftig macht und Abhängigkeiten erzeugt, da er sie selbst nicht befriedigen kann. Er ist abhängig von der nächsten Welle, die er nehmen muss, will er die Befriedigung seiner Bedürfniserwartung. Wenn er sie denn nehmen kann, was von seiner Ausstattung abhängt. Doch was ist eigentlich ein Surfer, der eine Erwartung an die nächste Welle hat? Es ist doch vielmehr das Versprechen des Surfens, in der Welle den Moment der Freiheit zu empfinden, indem die Singularität der Fremdbestimmung unerwartete Herausforderungen stellt, auf die reagiert werden kann und muss. Bedürfnisbefriedigung ist immer Konsum.

Surfen ist kein Zustand, sondern ein Moment, ein Augenblick, der Freiheit suggeriert. Ein Kick, ein Rausch, der verebbt, wenn er andauert. So ist es die Dauer, die Gewohnheit, welche die Freiheit vergessen macht, indem sie zur Erwartung wird. Der unvergessliche erste Rausch wird imaginiert und kultiviert, schafft Abhängigkeit durch die Anpassung an ihren Wirkstoff, doch kann er nie wieder so erzielt werden, wie im ersten Aufkommen – wenn dieses erwartet wird. So ist das Gedächtnis des Menschen sein Fluch und sein Segen, denn so erinnert er sich an die Mahlzeit von morgen, aber eben auch daran, was er dafür geben muss. Es gibt keinen Zustand der Freiheit, sondern nur eine funkenartige Empfindung der Freiheit, einen Affekt. Dieser entsteht durch eine unerwartete Wirkung, der sich Mensch ausgesetzt sieht, auf die er reagiert, impulsiv, mit den Mitteln seiner Ausstattung – und sich so selbst bewusst wird. In dieser Entdeckung von Welt entsteht etwas Neues, die den Menschen sich selbst fühlen lässt, was Energie freisetzt. Ein Rausch, der sich dem öffnet, der das Unerwartete unerwartet. Folglich ist der Affekt nicht kontrollierbar und findet außerhalb unserer Erwartung statt, die immer in Sicherheitsdispositive eingebettet ist beziehungsweise diese hervorbringt. Kontrolle ist das Begehren der Gouvernementalität, die kein Außen kennt. Ausflippen kann jeder, er muss sich nur vorher anmelden. Wer sich nicht unterordnet, wird sanktioniert. Das scheint auch relevant für die Ängste der Moderne zu sein; Angst vor der Unterordnung und Angst vor der Sanktionierung – und die Angst, die Unterordnung nicht sicherstellen zu können (und sanktioniert zu werden).

Affekte können in ihrer Empfindung ebenso beglückend wie auch verletzend sein, was die Gouvernementalität zu der Strategie führt, Affekte grundsätzlich zu verurteilen, indem sie die negativen Wirkungen in nicht enden wollenden Wiederholung aufzeigt, vor Augen führt und sie denunziert. Es gilt, die Affekte einzukerben, sie aus den Gefilden des Glatten einzugemeinden und zu kontrollieren.[45] Gouvernementalität versucht Affekte zu simulieren und nachzuahmen, um die Bevölkerung in ihren Sicherheitsdispotiven zu erhalten und über ihre Eingeschlossenheit hinwegzutäuschen. Sie gibt vor, Träume zu erfüllen, die in der Gouvernementalität nie erfüllbar sind, da sie sich – wenn sie in ihrer Eigentlichkeit auftreten – außerhalb ihrer bewegen. Sie werden ersetzt durch ‘Scheinaffekte’, die auf den Bahnen der Ideologie einer Geldwirtschaft angesiedelt sind und die größtmögliche Freiheit versprechen, die eine heutige Gouvernementalität zu bieten hat, nämlich eine ökonomische. Dies scheint jedoch nicht vollständig zu funktionieren, wie die erheblichen Zweifel des Individuums an seiner Selbstbestimmung und die zwanghaften Selbsttechnologien der Normalisierung anzeigen. Wie kann man diesen entfliehen? Wie kann man Affekte verwahrscheinlichen? Wohl nicht dadurch, dass man sie beschreibt, sie erläutert, in den Agenten der Gouvernementalität. Ausführungen darüber würden Erwartungen wecken und Affekte so verhindern helfen, weshalb an dieser Stelle auf weitere Analysen und Entwürfe verzichtet werden soll.

Zurück zum Strand: Wie ist eigentlich der Surfer, wenn er aus dem Wasser steigt? Seinen selbst gewählte Möglichkeitsraum der Freiheitsempfindung verlässt? Dann ist er Vertreter einer Freizeitindustrie und einer sozialen Utopie. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Doch sicher in Erwartung eines schmackhaften Abendessens. Vielleicht muss sich der Mensch einfach damit abfinden, immer im Dienst der gouvernementalen Energien zu stehen, wenn sie ihn denn erreichen können. Ob er das nun als Arbeit begreifen mag, bleibt im überlassen, empfinden wird er es.


[1] Murilo Velarde: Historia de la Provincia de Philipinas de la Compañía de Jesús. Manila: Imprenta de la Compañia de Jesus, 1749. Zitiert nach: Fedor Jagor: Reisen in den Philippinen. Aurich: Karl Meyer, 198. S. 14.

[2] Niklas Luhmann: Die Wirtschaft der Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1989. S. 216f.

[3] Thomas Hobbes: Vom Menschen. Vom Bürger. Hamburg: Felix Meiner, 1966. S. 17.

[4] Vgl. Niklas Luhmann: Die Wirtschaft der Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1989. S. 212.

[5] Vgl. Siegfried Kraucauer: Die Angestellten. Allensbach und Bonn: Verlag für Demoskopie, 1959.

[6] Michel Foucault: Die Geburt der Biopolitik. Geschichte der Gouvernementalität II. Vorlesung am Collège de France 1978-1979. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2004. S.308.

[7] Vgl. Michel Foucault: Die Geburt der Biopolitik. Geschichte der Gouvernementalität II. Vorlesung am Collège de France 1978-1979. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2004. S.312.

[8] Michel Foucault: Die Geburt der Biopolitik. Geschichte der Gouvernementalität II. Vorlesung am Collège de France 1978-1979. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2004. S.312.

[9] Michel Foucault: Die Geburt der Biopolitik. Geschichte der Gouvernementalität II. Vorlesung am Collège de France 1978-1979. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2004. S. 315.

[10] Vgl. Michel Foucault: Die Geburt der Biopolitik. Geschichte der Gouvernementalität II. Vorlesung am Collège de France 1978-1979. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2004. S. 316.

[11] Vgl. Michel Foucault: Die Geburt der Biopolitik. Geschichte der Gouvernementalität II. Vorlesung am Collège de France 1978-1979. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2004. S.316.

[12] Vgl. Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2010.

[13] Gilles Deleuze: Postskriptum über die Kontrollgesellschaften. In: ders.: Unterhandlungen 1972-1990. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1990. S. 254-262; hier: S. 258. Hervorhebung im Original.

[14] Michel Foucault: Die Maschen der Macht. In: ders.:Analytik der Macht. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2005. S. 231.

[15] Walter Benjamin: Kapitalismus als Religion [Fragment]. In: ders.: Gesammelte Schriften. Band IV. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1995. S. 100-102. Hier: S. 100.

[16] Walter Benjamin: Kapitalismus als Religion [Fragment]. In: ders.: Gesammelte Schriften. Band IV. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1995. S. 100-102. Hier: S. 100. Anführungsstriche und Klammern im Original.

[17] Michel Foucault: Die Geburt der Biopolitik. Geschichte der Gouvernementalität II. Vorlesung am Collège de France 1978-1979. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2004. S. 315.

[18] Vgl. Niklas Luhmann: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1989.

[19] Zum Begriff der Kulturtechniken: »Medien werden als Kulturtechniken beschreibbar, wenn die Handlungsketten rekonstruiert werden, in die sie eingebunden sind, die sie konfigurieren oder die sie konstitutiv hervorbringen. Der Begriff der Kulturtechniken kann indes nicht auf die symbolischen Techniken des Bild-, Schrift- und Zahlgebrauchs eingeschränkt werden, sondern schließt auch die von Marcel Mauss so getauften ‘Körpertechniken’ ein, das heißt den Gebrauch, den Kulturen vom Körper machen. Dazu gehören Riten, Sitten und Trancetechniken ebenso wie Übung und Disziplinarsysteme, Diätetiken oder die Praktiken der Hygiene.« In: Bernhard Siegert: Kulturtechnik. In: Harun Maye/Leander Scholz (Hg.): Einführung in die Kulturwissenschaft. München 2011. S. 95-118. Hier: S. 98. Hervorhebung im Original.

[20] Horst W. Opaschowski: Einführung in die Freizeitwissenschaft. Wiesbaden: verlag für Sozialwissenschaften, 2008. S. 27. Die Freizeitwissenschaft konstatiert eine Loslösung von geregelter Arbeit, allerdings aus anderen Begrifflichkeiten und Perspektive heraus als die hier angelegten.

[21] Theodor W. Adorno: Freizeit. In: ders.: Gesammelte Schriften. Band 10/2. Kulturkritik und Gesellschaft II. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1977. S. 645-655. Hier: S. 645.

[22] Theodor W. Adorno: Freizeit. In: ders.: Gesammelte Schriften. Band 10/2. Kulturkritik und Gesellschaft II. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1977. S. 645-655. Hier: S. 645.

[23] Georg Simmel: Vom Heil der Seele. In: ders.: Aufsätze und Abhandlungen 1901-1908. Band I. S. 109-115. Hier: S. 111.

[24] So gesagt von Bernhard Siegert auf der Tagung ‘Offene Objekte’ des Internationalen Kollegs für Kulturtechnikforschung und Medienphilosophie (IKKM) in Weimar vom 28. bis 30. April 2010 , in seiner Funktion als Veranstalter.

[25] Vgl. Peter Berger, Anwesenheit und Abwesenheit. Raumbezüge sozialen Handelns, in: Berliner Journal für Soziologie, H. I (1995), S. 99–111. Hier S. 99.

[26] Vgl. Marie Jahoda/Paul Felix Lazarsfeld/Hans Zeisel: Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit. Allensbach: Verlag für Demoskopie, 1960. S. 59.

[27] Das Begriffskonzept der Optionenvielfalt geht zurück auf dessen Verwendung durch Hartmut Rosa. Vgl. Hartmut Rosa: Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2005. S. 442.

[28] Georg Simmel: Großstädte und das Geistesleben. In: ders.: Aufsätze und Abhandlungen 1901-1908. Band I. S. 116-131. Hier: S. 127.

[29] Vgl. Gustave Le Bon: Psychologie der Massen. Leipzig: Alfred Kröner Verlag, 1955.

[30] Simmel: Großstädte und das Geistesleben. In: ders.: Aufsätze und Abhandlungen 1901-1908. Band I. S. 116-131. Hier: S. 127.

[31] Vgl. Paul Virilo: Fahrzeug. In: ders.: Fahren, fahren, fahren… Berlin: Merve Verlag, 1978. S. 19-50. Hier: S. 38.

[32] Georg Simmel: Großstädte und das Geistesleben. In: ders.: Aufsätze und Abhandlungen 1901-1908. Band I. S. 116-131. Hier: S. 117.

[33] Georg Simmel: Großstädte und das Geistesleben. In: ders.: Aufsätze und Abhandlungen 1901-1908. Band I. S. 116-131. Hier: S. 117.

[34] Georg Simmel: Großstädte und das Geistesleben. In: ders.: Aufsätze und Abhandlungen 1901-1908. Band I. S. 116-131. Hier: S. 117.

[35] Vgl. Boris Traue: Das Subjekt der Beratung. Zur Soziologie einer Psycho-Technik. Bielefeld: Transcript, 2010.

[36] Paul Virilo: Fahrzeug. In: ders.: Fahren, fahren, fahren… Berlin: Merve Verlag, 1978. S. 19-50. Hier: S. 39.

[37] Michel Foucault: Der Gebrauch der Lüste. Sexualität und Wahrheit 2. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1993. S. 18

[38] Richard DeGrandpre: Die Ritalin-Gesellschaft. ADS: Eine Generation wird krankgeschrieben. Basel: beltz Verlag, 2002. S. 16.

[39] Schätzungen gehen von 3-5% Kinder und Jugendlichen aus, die aufgrund der Diagnose ADS oder ADHS mit Ritalin behandelt werden. Siehe: Rolf Haubl/Katharina Liebsch: Einführung. In: dies. (Hg): Mit Ritalin leben. ADHS-Kindern eine Stimme geben. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2010. S. 7-15. Hier: S. 7.

[40] Vgl. Andreas Frei: Der volkswirtschaftliche Nutzen der Psychotherapie. In: Heiner Vogel/Jürgen Wasem: Gesundheitsökonomie in Psychotherapie und Psychiatrie. Stuttgart: Schattauer, 2004. S. 131-150. Hier: S. 139.

[41] Paul Virilo: Fahrzeug. In: ders.: Fahren, fahren, fahren… Berlin: Merve Verlag, 1978. S. 19-50. Hier: S. 38. Hervorhebung im Original.

[42] Gemeint ist der Ausspruch: “Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.” Friedrich Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen. In: der.: Theoretische Schriften. Köln: Könemann, 1999. S. 250-348. Hier: S. 297. Hervorhebungen im Original.

[43] Gilles Deleuze: Postskriptum über die Kontrollgesellschaften. In: ders.: Unterhandlungen 1972-1990. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1990. S. 254-262; hier: S. 258.

[44] Michel Foucault: Die Geburt der Biopolitik. Geschichte der Gouvernementalität II. Vorlesung am Collège de France 1978-1979. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2004. S. 315.

[45] Vgl. Gilles Deleuze/Félix Guattari: Tausend Plateaus: Kapitalismus und Schizophrenie. Berlin: Merve-Verlag, 1997. S. 496.

Foto: Claudia Greiner

The Chewing Gum Effect

Workshop collaboration with Barbara Lubich and Elisabeth Wulff-Werthner from cultural center Zentralwerk, Dresden, at the annual Trans Europe Halles conference. Bilbao, Spain, 2018. The “Chewing Gum Effect” is what we explored together in this workshop. Outgoing from artistic experiences and strategies in Dresden and Nuremberg (Germany) we discussed their patterns, forms of articulations and potentials. We shared our experiences chewed the gum together into a consistence that is neither too fluid nor too tight to work with in present and future.

Description: Heritage sites reflect their former significance, rise and fall of economies, cultural achievements or urban developments, they tell stories about past and people, about their destinies, hopes and fates. These stories and memories, the historic lessons, are resources of urban development, of regional identity and they can be revived,
interpreted and transformed to new life.
Cultural initiatives accept this challenge for new life and diversity, they create heritage revalorization concepts as an alternative to the common hyper-capitalistic, hyper-professionalised, hyper-automatised, hyper-informed, hyper-controlled, hyper-regulated urban environment. They use low-threshold reconstruction, independent collective organisation and forms of artistic and intellectual production to handle the past, present and future. Often this challenge turns out to be a never ending story that feels like a sticky mass which lames bodies and minds of yourself and your collective. If you try to catch it, the mass becomes fluid and if you try to escape, it becomes the highly adhesive chewing gum during tough discussions which rise again and again, critical points that are often been heared. But after chewing a certain time, within an intuitive and open minded experimental process, every strong initiative creates its strategies to make bubbles out of it! This bubbles helps to dance the revolution, to overcome the heavy weight of the past without forgetting it.

Cultural Typhoon in Europe

“Beware Utopia! Past, Actual and Virtual Visions of Urban Future” An international conference taking place in Nuremberg in September 2017 with Lectures with 20 national and 20 international academics, 4 workshops & 400qm² exhibition with 1000 visitors.

The idea of the Cultural Typhoon in Europe 2017 was inspired by the Cultural Typhoon, an international conference taking place annually in Japan since 2003, bringing together academics, artists and activists at stimulating locations. The CTE in Nürnberg tried to carry on the enthusiastic spirit of the first European Cultural Typhoon which took place in Vienna in 2016.

For this conference, the University of Erlangen, Chair of Japanese Studies, worked together with the team of the Institute for Applied Heterotopia (IFAH) to inspire and stimulate dialogues between academic, artistic and activist contributions.

Documentation
Documentation on University Erlangen website

Mal dir deine Stadt

Marga Leuthe and Maria Trunk invited to a drawing workshop within the umundu festival in Dresden, Germany. They questioned: What is my vision of the future? How can I give it wings with words and pictures? And how do I visualize and integrate these ideas and visions within my district and my city, also as an idea or solution for global challenges such as climate change, population growth and poverty in emerging and developing countries.

On the basis of a creative vision of the conversion of the Quelle department store as part of a socially, ecologically and culturally shaped movement, the artists and the participants transferred their approach to the area behind the “Leipziger Bahnhof” in Dresden and to draw. The participants receive suggestions on how to present ideas spatially and in relation to other ideas. From many snippets they putted together a large cooperative picture of our dreams. Previous drawing skills were not absolutely necessary.

German Description:

Grit Koalick, Marga Leuthe und Maria Trunk luden zu einem Zeichenworkshop innerhalb des umundu-Festivals in Dresden. Unsere Fragen: Was ist meine Vision von der Zukunft? Wie kann ich ihr mit Wort und Bild Flügel verleihen? Und wie zeige ich, dass sie nicht nur für mich, meinen Stadtteil und meine Stadt taugt, sondern auch als Idee oder Lösungsansatz für globale Herausforderungen wie den Klimawandel, das Bevölkerungswachstum und die Armut in Schwellen- und Entwicklungsländern.

Auf der Grundlage einer gestalterischen Vision von der Umnutzung des Quelle-Kaufhauses als Teil einer sozial, ökologisch und kulturell geprägten Bewegung möchten die Künstler*innen gemeinsam mit den Teilnehmer*innen ihren Ansatz auf das Gelände hinter dem Leipziger Bahnhof in Dresden übertragen und zeichnen. Dabei erhalten die Teilnehmer*innen Anregungen, wie man Ideen räumlich darstellt und zu anderen Ideen in Beziehung setzt. Aus vielen Schnipseln fügen wir so ein großes kooperatives Bild unserer Träume zusammen. Zeichnerische Vorkenntnisse sind nicht unbedingt nötig.

InspirationsQUELLE

BEWARE, UTOPIA! This artistic project is an documentation of experiences, ideas and visions from the people in and around the former Quelle building in its time of creative short term using 2011-2015. This time had a long lasting effect on the way many young people in Nuremberg think and work. The basic resource was a place of opportunities for over 200 people that experts perceived as an icon. There was an utopian time in these seemingly never ending, widely connected, open and nearly unrestricted halls. This time forms a contrast to a proximate and sudden shut down. This specific background generated some kind of artistic super power. It supplies an energy out of ambivalent feelings, fallen dreams and perspectives and, of course, the daily political tensions in the traditionally conservative federal state of Bavaria in the south-west of Germany. 

The project “InspirationsQUELLE” is a printed map with an utopian visualization and news tickers from the past, present and future. A0 format, 1000x edition, supported by ‘Anstiftung’ and ‘Fond Soziokultur’, 2016. Open Source with Creative Commons Licence, use only for non-commercial works.

German Description:

ACHTUNG UTOPIE! Diese künstlerische Arbeit versteht sich als Dokumentation der Ideen und Visionen von Menschen in und um das ehemalige Quelle-Versandhausgebäude. Gleichzeitig möchte die „Inspirationsquelle“ Mut-Macher, Anstifter und vor allem spielerisches Ausdrucksmittel sein. Sie zeigt den Wunsch von Stadtbewohnern, ihre Lebenswelt aktiv mitzugestalten. Und sie weist in die Richtung partizipativer und dialogorientierter urbaner Entwicklungsprozesse im Sinne einer nachhaltigen gesellschaftlichen Entwicklung. Das Konzept ist übertragbar. Es versteht sich als prozesshaft, experimentell und lädt ein zum Mitzeichnen, Mitdenken, Mitschreiben und Mitträumen. Die Zeitleiste beginnt mit dem Leerstand der Quelle im Jahr 2010. Der Redaktionsschluss gibt den Startpunkt für die Zukunft. Alle darauf folgenden Meldungen sind frei erfunden. Die verschiedenen Institutionen, Vereine, Akteure, Bewegungen, Wettbewerbe, Stiftungen, Preise, Auszeichnungen u.v.m. gibt es wirklich, allerdings ist deren Handlung in der Zukunft rein fiktiv. In dieser einen möglichen Zukunftsversion ist die Quelle im Jahr 2030 schon nach Fertigstellung der ersten sieben Bauabschnitte eine gelungene Mischung aus gewerblichen, kommunalen und nicht-gewerblichen Projekten die gemeinsam alltagsnah und praxisorientiert an den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts arbeiten.

Projektteam: Stefan Becker, Carsten Galle, Wally Geyermann, Qeo Kielkowski, Grit Koalick, Kai Kopka, Marga Leuthe, Nele Thiel, Maria Trunk & Chris Weiß